Zwei Leben. Zerstört

Vor einem halben Jahr ging eine erschütternde Meldung durch alle Medien. Aus allen Kanälen erfuhr man, dass eine junge Frau und ein junger Mann auf einem nächtlichen Schnellrestaurantparkplatz bei Offenbach aneinandergeraten waren. Er schlug zu, sie stürzte ohnmächtig zu Boden und erlitt beim ungebremsten Aufprall irreperable Kopfverletzungen. Knapp zwei Wochen später wurden die lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet, Tuğçe Albayrak starb mit 23 Jahren. Sanel M. wurde festgenommen, vor Gericht gestellt. Am Dienstag, den 16. Juni, verkündete der Richter das Urteil: 3 Jahre Jugendhaft wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Die Verteidigung kündigte Revision an, fordert eine Bewährungsstrafe.

Dass der Fall so große mediale Aufmerksamkeit erhielt lag daran, dass Tuğçe Albayrak  zwei minderjährige Mädchen, die angetrunken auf der Damentoilette ausharrten, vor der pöbelnden Gruppe um Sanel M. verbal in Schutz genommen haben soll. Später, auf dem Parkplatz eskalierte dann die bereits brodelnde Wut. Das Ergebnis: Ein junger Mensch tot, ein junger Mensch vor Gericht. Tuğçe Albayrak wird zum Sinnbild für Zivilcourage, Sanel M. zum brutalen Schläger stilisiert.

In den letzten Tagen, kurz vor dem Urteilsspruch jedoch eine Kehrtwende: Die Medien berichten plötzlich davon, dass Tuğçe Albayrak keine strahlende Heldin gewesen sei. Dass die Mädchen auf der Toilette gar nicht in dem Maße bedrängt worden wären, als dass Tuğçe Albayraks Einmischung unbedingt nötig gewesen wäre. Dass man bei der Zeugenbefragung vor Gericht herausgefunden habe, dass sie die jungen Männer beschimpft hätte. Dass sie kurz vor der Tat einige Schritte auf Sanel M. zugegangen wäre und somit den Schlag überhaupt erst ermöglicht hätte. Wahrscheinlich will niemand bewusst der jungen Frau posthum die Schuld für ihren gewaltsamen Tod in die Schuhe schieben. Aber was signalisieren diese Aussagen? Dass man als Frau ein fragwürdiges Verhalten an den Tag legt, wenn man präventiv lautstark Schwächere verteidigt? Wenn man als Frau nicht flüchtet, sondern sich einem Konflikt stellt? Dass man vielleicht doch auch ein klitzekleines bisschen selbst schuld ist, wenn dann dem Mann die Hand ausrutscht und zwar so, dass man von einem einzigen Schlag bewusstlos zu Boden geht? Sie war vielleicht keine sanftmütige Heilige. Sie war wohl tough, energisch, wütend. Aber eines ist sicher: Unrecht tut der, der zuschlägt.

pressewoche