Vergoogelt

Der Cursor blinkt hämisch in der Google-Suchzeile. Der Dienst vermeldet eilfertig stolze 53,5 Millionen Ergebnisse zum Suchbegriff ‚Steuern‘. Fast ein bisschen frivol, wenn man bedenkt, wie wenig davon das angeblich weltweit größte Unternehmen unterm Strich bezahlt. Gibt man ‚Steuerhinterziehung‘ ein, kratzt Google allerdings nur noch 464.000 relevante Fundstellen zusammen. Aber immerhin. Fast eine halbe Million Möglichkeiten sich darüber zu informieren, wie rechtswidrig, verpönt und strafbar es sein kann, Gelder am Fiskus vorbei zu schummeln. Ob man das bei Google mal gegoogelt hat?

Man hat sich wohl durchaus informiert. Denn das eigens dafür entwickelte Konstrukt, den Ländern, deren Infrastrukturen man gerne nutzt, nur das Allernötigste an Steuern zu überlassen, ist ebenso komplex wie gerade noch legal. Wer wirklich verstehen möchte, wie es denn bitteschön rechtens sein kann, dass ein Konzern wie Google nur lachhaft kleine Steuersätze bezahlt, muss ganz schön Hirnschmalz investieren. Es kommt einem fast so vor, als würde sich das Google-Management vorsätzlich ein derartig unauflösbares Gewurschtel aus gekoppelten, Gelder hin und her transferierender Gesellschaften ausdenken, damit der zuständige Finanzbeamte nicht umhin kommt, irgendwann zu denken: „Was soll‘s. Dafür ist mein Leben zu kurz.“ Es ist fast obszön, im Hinblick auf diese Machenschaften lapidar von ‚Steuertricks‘ oder ‚Steueroptimierung‘ zu sprechen. Sie sind schlicht und ergreifend unanständig. Allerhöchstens noch gewieft.

Nachvollziehbar, dass ein Land wie Frankreich, das sich sein üppiges, aber im Sinne der Sozialstaatlichkeit keineswegs überzogenes Sozialsystem nicht mehr leisten kann, plötzlich keine Lust mehr hat, sich veräppeln (oder müsste man gerade nicht besser sagen: vergooglen) zu lassen. Über 100 Beamte marschierten Ende Mai in die Pariser Google Zentrale: Eine Razzia im großen Stile. Google, das Unternehmen, das sonst doch alles weiß, war völlig überrumpelt. Die Aktion war feinsäuberlich offline und zum Großteil sogar analog und handschriftlich geplant worden, um den Datenkraken zu überraschen. Etwas altmodisch, aber erfolgreich. Jetzt suchen die Ermittler nach  Belegen dafür, dass Google dem Land, in dem es sitzt und verdient noch eine große Menge Geld schuldet. Mögen sie sie finden. Aber schöner wäre es, wenn man in den Zentralen der Großkonzerne, übrigens genauso wie in den Gemütern aller Gutverdiener, eines irgendwann finden würde: Anstand. Google generiert hierfür 399.000 Treffer in 0,34 Sekunden. Das lässt doch hoffen.

pressewoche  (356)