Heimwärts!

Nach einem herrlichen Sommer auf der Alm machen sich gut 200 Ziegen auf und marschieren zusammen mit ihren Hirten zurück ins heimische Mittenwald

Eine Ziege müsste man sein. Zumindest eine Mittenwalder Ziege im Sommer. Denn dann hätte man mit großer Wahrscheinlichkeit das Glück, gut behütet wunderbare Wochen auf duftenden Almwiesen zu verbringen: Mal hier und da ein Kraut am Ufer eines klaren Bergsees geknabbert, dem freundlichen Hütejungen etwas Salziges aus der Hand geschleckt und vor lauter Lebensfreude ein paar Bocksprünge gemacht. Das wäre ein Leben. Und das Beste käme erst noch – am ersten Samstag im September, bevor der nasskalte Herbst im nahen Karwendel Einzug hält: Der Abtrieb inklusive Schönheitswettbewerb!

Am Ende des Sommers
„Schlechtes Wetter mögen sie gar nicht. Da sind Ziegen speziell.“, erklärt Andreas Neuner senior, einer der ehrenamtlichen Ziegenhirten aus dem oberbayerischen Mittenwald. Er hat sich extra Urlaub genommen, um seine Schützlinge auf die Freiweiden zwischen Lautersee und Ferchensee unterhalb des majestätischen Wettersteinmassivs zu führen. „Sobald sie das Ende des Sommers spüren, freuen sie sich regelrecht auf ihre Ställe. Und dann treiben wir sie hinab nach Mittenwald.“ Das klingt ganz einfach, so wie das der schnauzbärtige Ziegenhirte beschreibt. Doch wie bitteschön, bewerkstelligt man es, die über 200 flinken Hornträger geordnet in Bewegung zu setzen und beisammen zu halten?

Das Herz einer Ziege erobern
„Im Laufe des Sommers haben sich die Tiere, die ja aus verschiedenen Ställen stammen, zu einer Herde organisiert.“, erklärt Andreas Neuner. „Da braucht man jetzt nur die Leittiere zu locken und der Rest, der marschiert dann einträchtig hintendrein.“ Auch die jungen Hütebuben, wissen schon, dass man zu diesem Zweck immer Salz oder Brot, am besten beides, in der Tasche hat. Denn mit solchen Spezereien erobert man das Herz einer Ziege im Sturm. Dann sei es in der Regel ein Leichtes, sogar die fünf oder sechs eigensinnigen Exemplare, die jedes Jahr dabei sind, zum Aufbruch zu bewegen. Tatsächlich?

Hinab ins Tal!
Erst ist es nur ein zartes Läuten, das sich bescheiden mit dem Rauschen der Baumwipfel und munterem Kinderlachen mischt. Doch dann ist die Luft auf einmal mit dem Klang von 200 Glocken erfüllt, die an ebenso vielen Hälsen aufgeregt hin und her schaukeln. Es hüpft und trabt aus dem Wald heraus – würzig duftend, das Fell glänzend und die Hintern fröhlich wackelnd sprudeln die Ziegen über den Wanderweg herab und einem erwartungsvollen Publikum entgegen.

Wiedersehensfreude
Im Getümmel steht auch die Veronika, die sich heute ganz besonders freut. Vor zwei Jahren war ihre einzige Ziege auf der Alm tödlich verunglückt. Aber jetzt kommt Vronis junge Ziegendame Sissi putzmunter nach Hause gehopst! Mit ihren Kollegen trabt sie fröhlich bimmelnd und mit klackernden Hufen an den prächtigen Lüftlmalereien am Obermarkt vorbei. Auf dem Festplatz versammelt sich schließlich ein wogender See aus pelzigen Rücken. Wie will man dieses Potpourri aus Hörnern, Hufen und Schwänzchen jemals wieder auseinanderdividieren? Es gelingt. Überglückliche Besitzer nehmen ihre Tiere in Empfang, eines schöner als das andere. Eine schwere Entscheidung steht da an für die strengen Juroren aus dem Landwirtschaftsministerium, die die schönsten Ziegen prämieren. Am Ende ist es aber dann eigentlich egal, ob man einen der blanken Pokale ergattert hat oder nicht. Alle strahlen und streicheln stolz Köpfe und Flanken. Denn: Sie sind bald heil wieder zu Haus, die glücklichen Mittenwalder Ziegen.

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