Bienensterben

Vom Leiden der heimlichen Helfer

Sie klingen plötzlich zynisch, die ersten Zeilen eines bekannten Kinderliedes: „Summ, summ, summ, Bienchen, summ herum! Ei, wir tun dir nichts zu leide, flieg nur aus in Wald und Heide…“ Viele Bienen sterben derzeit den treu sorgenden Imkern unter den Händen weg. Eine eindeutige Ursache ist nicht auszumachen. Man steht weltweit vor einem Rätsel. Nur eines kann man mit Sicherheit sagen: Der Mensch ist bei dieser Sache gewiss nicht unschuldig. Dabei schwirrten die golden-pelzigen Nützlinge schon immer eilfertig und gewinnbringend durch die menschliche Kulturgeschichte.

Den Beginn der gezielten Bienenhaltung datiert die Wissenschaft auf 7.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Für Honig, Wachs, Pollen und das antibiotisch wirkende Kittharz Propolis wurden die Insekten lange Zeit wie kleine Gottesgeschenke verehrt. Bei den Ägyptern war Honig nicht nur eine göttliche Speise, sondern auch Zahlungsmittel und Sold für hohe Beamte – flüssiges Gold. Außerdem erkannten sie bereits, dass ein Zusammenhang zwischen der Anwesenheit von Bienen und reicheren Ernten bestehen musste. Für die alten Griechen waren die Bienen Boten der Götter, Zeus trug den Beinamen „Bienenkönig“. Als besonders reine Wesen, in deren Gegenwart nicht gestritten werden durfte, verehrten die Germanen die summenden Tierchen. Bei den Römer gehörte die Kenntnis der Bienenhaltung in gebildeten Kreisen zum Allgemeinwissen. Honig galt zudem als ein multipotentes Heilmittel.
Dass das heimliche Handwerk der Bienen, die Bestäubung der Blüten, einen entscheidenden Aspekt für die Natur und damit auch den Menschen darstellt, darauf kam in den Reihen der jüngeren Wissenschaft erst der Botaniker C. K. Sprengel in den 1780er Jahren. Geglaubt wurde ihm allerdings erst einmal nicht. Dass die Natur einen so gewitzten Tauschhandel zwischen Pflanze und Biene –  gemütlichen Nektargenuss als Entgelt für Pollentransport – eingerichtet hätte, diese Behauptung hielt sogar Goethe für vermessen.

Heute ist freilich klar, dass Herr Sprengel recht hatte. Im Laufe der Jahrmillionen fand eine gegenseitige Anpassung (Koevolution) statt: Die Blumen entwickelten sich derart, dass sie von Insekten als Nahrungsquelle erkannt werden, diese zum Schmaus einladen und gleichzeitig den Körper der Gäste mit Pollen bepudern. Beim Besuch der Biene auf der Nachbarblüte werden die aufgelesenen Pollen wieder abgestreift und neue aufgeladen. Diesen Dienst leisten natürlich nicht nur unsere Honigbienen, sondern auch Schmetterlinge, Hummeln, Käfer, Wespen und viele andere. Aber die Biene ist die Premium-Bestäuberin: Da sie ein großes Volk zu versorgen hat, bringt sie einen großen Sammeleifer mit. Außerdem ist sie im Großen und Ganzen blütentreu, das heißt: Hat sie eine Sorte Blüten als Futterquelle auserkoren, fliegt sie – ganz ökonomisch – erst einmal  diese Blüten an, bis der dortige Vorrat zu Ende geht. Das ist natürlich für die Pflanzen ideal, da ihr Pollen dann nicht willkürlich zu anderen getragen wird, die im Sinne der Fortpflanzung nichts damit anzufangen wissen. Ohne Bienen würde unser Ertrag an Obst und Gemüse erheblich sinken. Laut den Angaben des Länderinstituts für Bienenkunde Hohen Neuendorf e.V. gäbe es beispielsweise nur noch knapp 40% aller Äpfel und Kirschen, 10% aller Birnen und kaum mehr Möhrensamen. Betroffen wären freilich auch Tomaten, Gurken, Beeren, Kürbisse, Raps – die Liste ließe sich noch lange weiterführen. Im Schnitt ginge der Ertrag bei den betroffenen Pflanzen um 80% zurück.

Seit geraumer Zeit kursiert das (allerdings unbelegte) Einstein-Zitat: „Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.” Ganz so drastisch würde es der bayerische Imker und leidenschaftliche Lehrbienenstandbetreiber Hans-Hagen Theimer jedoch nicht sehen: „Aussterben würden wir nicht. Aber bei Obst und Gemüse müssten wir uns erheblich einschränken.“ Nichtsdestotrotz: Auch wenn ein Rückgang oder das Verschwinden der Bienen für die Menschheit vielleicht kein absehbares Todesurteil bedeutet, der Schutz der biologischen Vielfalt (Biodiversität) im Allgemeinen und der Bienen als wertvolle Lebewesen im Besonderen sollte dennoch nicht leichtfertig beiseite geschoben werden.

Was also macht den Bienen zu schaffen? Warum verlieren Imker teilweise jedes zweite Volk? Der erfahrene Imker Theimer hat nur eine Antwort darauf: Dass es auf diese Fragen keine eindeutige  Antwort gibt. Vermutlich setzen sich viele, Standort individuelle Ursachen zu einem komplexen und für die jeweils betroffenen Bienen letalen Mosaik zusammen. Einigkeit darüber, welche Faktoren die Bienen besonders belasten, gibt es weder unter den Imkern, noch unter den Bienenforschern. Es wird heiß diskutiert und die Ehrlichkeit im Diskurs immer wieder angezweifelt. Festzuhalten bleibt: Der Cocktail aus Krankheiten, Parasiten, Umweltgiften, schlechten Wetterverhältnissen, eingeschränkter Nahrungsvielfalt und unter Umständen auch Stress scheint nachvollziehbarerweise ein nicht besonders bekömmlicher zu sein.

Die Varroa-Milbe, in den 70er Jahren aus Asien für Forschungszwecke eingeführt und durch einen Laborunfall entkommen, ist definitiv ein strapaziöser Quälgeist für die Bienen. Sie befällt die Brut und saugt auch noch an der geschlüpften Biene weiter, schwächt sie und überträgt tödliche Viren und Keime. Ohne Behandlung kann ein Honigbienenvolk nicht lange überleben. Die Imker haben Mittel und Wege gefunden, ihre Völker erfolgreich zu therapieren, doch immer wieder sterben diese trotzalledem. Der Imker Theimer gibt zu bedenken: „Mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln erwischt man nicht immer alle Milben, ein bis zwei Prozent überleben die Rosskur. Leider züchten wir damit immer potentere Schädlinge.“

Neben der Milbe stehen auch Pestizide und Insektizide, die auf landwirtschaftliche Flächen ausgebracht werden, im Verdacht, die Bienen zu schädigen. Zur falschen Zeit das falsche Mittel in der falschen Menge bedeutet den sicheren Tod für ganze Völker. Sorgen bereiten dem Imker auch die modernen Kreiselmäher, die in hoher Geschwindigkeit über die Felder preschen: Wenn dies tagsüber geschieht und sich sammelnde Bienen auf der betroffenen Fläche befinden, haben diese eigentlich keine Chance zu entkommen. „Nach Untersuchungen eines bienenwissenschaftlichen Institutes sterben beim Kreiselmähen bis zu 20.000 Bienen pro Feld.“, beziffert Theimer die potentiellen Verluste. Das wäre die Hälfte aller Arbeiterinnen eines Bienenvolkes.

Ein weiterer, negativer Aspekt, der auf das Konto der modernen Landwirtschaft geht, ist die Monokultur: Sie zwingt die Bienen zu ungesund einseitiger Ernährung – wo es nur Raps-Nektar zu finden gibt, gibt es auch nur Raps-Nektar zu sammeln und somit als Futter für das Volk. Möglicherweise sind diese Zwangsdiäten ein weiteres Puzzlestück im großen Bild des Bienensterbens.

Vor dem Stress großindustrieller Honigerzeugung, dem Bienen in anderen Ländern wie den USA oder auch Griechenland und Italien ausgesetzt sind, werden die deutschen Bienen allerdings bislang verschont: Von den rund 90.000 Imkern, die es deutschlandweit gibt, sind nur ca. 500 hauptberuflich tätig. Während in den USA tausende von Bienenvölkern ohne Rücksicht auf Verluste auf LKWs verlanden und tagelang von Plantage zu Plantage gekarrt werden oder in Griechenland mit dem Greifarm vom Auto direkt neben viel befahrenen Straße an temporären, lebensfeindlichen Lagerplätzen wie Streugut abgestellt werden, beschreibt Theimer die Einstellung der Kleinimker wie folgt: „Wir haben ein anderes Verhältnis zu unseren Bienen. Wir lieben sie und darum bekommen sie auch einen sorgsam ausgewählten Ort für ihren Stock und eine umsichtige Behandlung. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich höre, dass jemand von sogenanntem Bienen-Material spricht…“ Doch trotz all der fürsorglichen Liebe: Auch bei uns sterben die Bienen.

Aber es gibt eine Resthoffnung. „Mit einem Aussterben der Bienen rechne ich noch nicht.“, sagt Hans-Hagen Theimer. Besonders das in den letzten Jahren enorm gestiegenen Interesse am Imkern ist ein wahrer Lichtblick: „Es fangen wesentlich mehr neue Imker an als früher – Zunahme bei mir in den letzten zwei Jahren: Verdreifachung!“

pressewoche

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